Vorbeugen

Eine gesunde Darmflora ist die Voraussetzung für ein intaktes Immunsystem und gesundheitliches Wohlbefinden. Um unsere Darmflora im Gleichgewicht zu halten, sollten wir einige vorbeugende Maßnahmen beachten. Wir haben mit Mag. Dr. med. scient. Eva-Maria Steinkellner, Ernährungsmedizinerin und Diätologin (darm.co.at), über dieses Thema gesprochen. Mag. Dr. Steinkellner beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Darm, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Darmsanierung und Fettstoffwechselstörungen.

Welche vorbeugenden Tipps können Sie für eine optimale Darmgesundheit geben?

Mag. Dr. Eva-Maria Steinkellner: Um die Arbeit unseres Darms vorbeugend zu unterstützen, ist es vor allem wichtig, unseren Lebensstil bewusst zu überdenken. Hier spielt die Ernährung eine ganz große Rolle. Möglichst warme, frisch zubereitete Speisen wirken sich positiv auf die Darmtätigkeit aus. Ein warmes Frühstück (zum Beispiel Porridge aus Hafer- oder Hirseflocken) stärkt und wärmt unseren Körper und ist der ideale Start in den Tag. Unser Körper liebt die gleichmäßige Versorgung mit Nährstoffen, daher sind regelmäßige Essenszeiten empfehlenswert. Abends sollte man nicht zu spät (keinesfalls nach 20 Uhr) essen, damit sich der Darm nachts erholen kann. Unsere Verdauung ist ein ausgeklügeltes komplexes System, für das wir viel Energie benötigen. Vor allem nachts sollten wir dem Darm daher etwas Ruhezeit gönnen.

Was sollte man bei der Ernährung beachten?

Mag. Dr. Eva-Maria Steinkellner: Prinzipiell sollten Nahrungsmittelunverträglichkeiten ernst genommen werden. Zucker, Weißmehlprodukte, Weizenprodukte, Hefe und Hefe-Weizen-Kombinationen können unseren Darm überfordern. Weizen und Hefe haben sich in den letzten Jahren von der Struktur her sehr verändert und sind für unser Immunsystem teilweise schwer verarbeitbar geworden. Unverträglichkeiten auf diese Produkte können die Folge sein. Regelmäßige, moderate Bewegung unterstützt die Darmfunktion zusätzlich. Zwei- bis dreimal pro Woche zirka eine Stunde schnelles Gehen unter Berücksichtigung einer tiefen Bauchatmung kann sich positiv auf unsere Darmgesundheit auswirken. Wir sind von unserem Bewegungsapparat her dazu konzipiert, dass wir uns bewegen. Dazu brauchen wir aber nicht notwendigerweise das Fitnessstudio ums Eck, Geräte und viel Geld. Ich kann einfach meine Schuhe anziehen und losgehen. Ergänzt mit ausreichend Schlaf (zwischen 7 und 9 Stunden) und bewussten Ruhezeiten für unseren Körper können wir Darmbeschwerden durch eine gesunde Lebensweise aktiv vorbeugen.

Wie kann ich Nahrungsmittelunverträglichkeiten feststellen?

Mag. Dr. Eva-Maria Steinkellner: Nahrungsmittelunverträglichkeitstests können sinnvoll sein, das ist aber sehr individuell zu entscheiden. Nicht jeder, der Darmprobleme hat, hat auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Aber oft sind Nahrungsmittelunverträglichkeiten darmassoziiert, das heißt, sie können zu Magen-Darm-Problemen führen. Bei einer Nahrungsmittelunverträglichkeit kann der Körper bestimmte Bestandteile der Nahrung nicht verdauen und verwerten. Da diese Substanzen dann unverdaut in tiefere Darmabschnitte gelangen, können Beschwerden wie Blähungen, Durchfall oder Bauchschmerzen auftreten. Man sollte versuchen, auf die Signale des eigenen Körpers zu achten und auf seinen Bauch zu hören. Dann sind solche Tests oftmals gar nicht nötig.

Welche Rolle spielen Probiotika und Präbiotika in der Vorbeugung?

Mag. Dr. Eva-Maria Steinkellner: Probiotika sind in niedriger Dosierung gut, um die Darmflora prinzipiell zu verbessern. Die in den Probiotika enthaltenen Milchsäurebakterien können die Darmbarriere verbessern und somit die Anhaftung schlechter Darmbakterien erschweren. Die Präbiotika dienen dabei als Nahrungsgrundlage für die Probiotika und unterstützen die Darmbakterien in ihrem Wachstum und ihrem Anheften an der Darmwand. Sie beugen Mikroentzündungen in der Darmschleimhaut vor, aus denen Darmprobleme resultieren können. Speziell vor einer Antibiotikaeinnahme sind Probiotika als vorbeugende Maßnahmen sinnvoll.

Welche vorbeugenden Maßnahmen empfehlen Sie, wenn Patienten zu Durchfall neigen?

Mag. Dr. Eva-Maria Steinkellner: Prinzipiell muss festgehalten werden, dass Durchfall keine Krankheit an sich ist, sondern der sinnvolle Versuch unseres Körpers, sich selbst von krankmachenden Erregern wie Bakterien, Viren oder Pilzen und deren Stoffwechselprodukten zu reinigen. Neigen Patienten zu Durchfall, sollten sie unbedingt ihre Ernährungsgewohnheiten beobachten. Ein großer Punkt für mich ist hier die falsch verstandene gesunde bzw. Vollwertkost. Ich habe immer wieder viele Patienten, die viel zu roh, viel zu kalt und viel zu grobe Dinge essen und dadurch unter anderem auch Durchfall bekommen. Der Darm kann rohe Nahrung und zu viele Ballaststoffe nicht verstoffwechseln (d. h. nicht aufspalten und nicht resorbieren) und so wird unverdautes Material ausgeschieden. Bei akutem Durchfall ist es sehr wichtig, genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Flüssigkeiten wie schwarzer Tee mit ein wenig Zucker, schwarzer Johannisbeersaft oder Wasser mit verdünntem Orangensaft plus einer Prise Salz sind ebenfalls günstig. In punkto Nahrung muss man sagen, dass es keine eigentliche "Durchfalldiät“ gibt, sondern dass man mit Hausverstand das essen sollte, was einem schmeckt. Am ersten Tag des Durchfalls sollte man möglichst wenig essen, um den Darm zu entlasten. Ab dem zweiten Tag kann man mit aufbauender Ernährung beginnen – zum Beispiel werden Apfelmus oder Apfelkompott meist gut vertragen. Tierisches Eiweiß wie Fleisch und Fett sollte eher gemieden werden.

Welche vorbeugenden Maßnahmen empfehlen Sie, wenn Patienten zu Verstopfung neigen?

Mag. Dr. Eva-Maria Steinkellner: Ganz wichtig ist hier zunächst, immer genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Das ist leider oft ein "Frauenthema“: Wir Frauen halten diese Mindestgrenze leider noch weniger als Männer ein. Mit genügend Flüssigkeit sind in etwa 2 Liter "leere“ Flüssigkeit gemeint, also Wasser oder Kräutertee. Alternativ kann man auch mit Leinsamenwasser arbeiten, um die Darmperistaltik anzuregen. Dabei mischt man etwa einen Esslöffel ungeschroteter Leinsamen abends in ½ Liter kaltes Wasser, kocht es kurz auf und lässt es dann über Nacht stehen. Dieses Leinsamenwasser am besten morgens nüchtern ca. 30 Minuten vor dem Frühstück trinken und den Rest vor den Mahlzeiten über den Tag verteilt zu sich nehmen. Je nach Verträglichkeit kann man auch mit Feigen, Dörrpflaumen  oder Sauerkrautsaft arbeiten. Dabei sollte man aber unbedingt auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten achten. Auch Bauchlymphdrainagen und Bauchmassagen können dem Anregen der Darmperistaltik dienen.

Welche vorbeugenden Maßnahmen empfehlen Sie, wenn Patienten zu Blähungen neigen?

Mag. Dr. Eva-Maria Steinkellner: Blähungen deuten auf eine falsche Ernährungsweise und ein Ungleichgewicht in unserer Darmflora hin. Als Erste Hilfe empfehle ich, den Konsum von rohem Obst und Gemüse für eine gewisse Zeit einzuschränken. Hefehaltige Produkte, Weißmehl, Zucker sowie stark gereifter Käse und rohes Fleisch (Prosciutto, Speck, Steak, Salami) sollten ebenfalls stark reduziert werden. Treten die Blähungen über einen längeren Zeitraum auf, sollte unbedingt eine ärztliche Untersuchung folgen.

Wie kann man seinen Darm "sanieren"?

Mag. Dr. Eva-Maria Steinkellner: So genannte "Darmsanierungen“ sind nicht zu jedem Zeitpunkt für jedermann sinnvoll und zielführend. Magen-Darm-Beschwerden haben völlig unterschiedliche Ursachen; sie können zum Beispiel auf eine falsche Lebensweise, falsche Antibiotikagaben oder auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten zurückgeführt werden. Bei länger andauernden und massiveren Darmbeschwerden und Unverträglichkeiten empfehle ich zunächst einen mikrobiologischen Stuhlbefund. Aus diesem Befund können wir ablesen, welche Bakterien vorhanden sind und welche fehlen. Wenn hohe Entzündungswerte vorliegen, ist das ein Signal dafür, dass die Darmschleimhaut durchlässig ist und der Dünndarm nicht ausreichend arbeitet. Eine Darmsanierung ist in einem solchen Fall ratsam, sollte jedoch individuell mit dem Arzt abgestimmt werden. Nach einer erfolgreichen Darmsanierung kann man dann mit der Aufforstung des Darmes beginnen.