Darm & Psyche

"Vertrau` Deinem Bauch" - Wird das Bauchhirn ignoriert, entwickelt es seine eigenen Neurosen

Lange Zeit war es nahezu verpönt, vom "Bauchgefühl“ und von Entscheidungen "aus dem Bauch heraus“ zu sprechen. Mittlerweile wurde dieses Bauchgefühl jedoch durch neurowissenschaftliche Untersuchungen quasi rehabilitiert. Denn bewiesenermaßen besitzt unser Bauch ein selbstständig funktionierendes Nervensystem, das über sehr viel mehr Nervenzellen verfügt als unser Gehirn.

Univ. Prof. Dr. Gabriele Moser, Fachärztin für Innere Medizin und Psychotherapeutin, Leiterin der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe und Ambulanz für gastroenterologische Psychosomatik der Univ. Klinik für Innere Medizin III am AKH Wien, im Interview:

Wo befindet sich das "Bauchhirn“?

Prof. Moser: Das sogenannte Bauchhirn, in Fachkreisen enterisches Nervensystem (ENS) genannt, erstreckt sich mit mehr als 100 Millionen Nervenzellen von der Speiseröhre bis zum Darmausgang.

Wie funktioniert die Kommunikation zwischen Bauchhirn und Kopfhirn?

Prof. Moser: Das Bauchhirn steht in ständiger Kommunikation mit dem Gehirn (J. Dore, United European Gastroenterology Journal 2013) und scheint ein Teil der biologischen Matrix des Unbewussten zu sein. Interessanterweise ist das ENS auch in REM-Phasen hochaktiv, während in Tiefschlafphasen eher sanfte rhythmische Wellenbewegungen vorherrschen. Vom Bauch führen 90 Prozent der Nervenstränge ins Gehirn, nur zehn Prozent vom Gehirn zum Bauch. Diese kreieren das "emotionale Profil“, eine Art "Gefühlsbett“.

Welche Neurosen kann das Bauchhirn entwickeln?

Prof. Moser: Das Bauchhirn verschafft sich in Form von umgangssprachlich gebräuchlichen Redewendungen wie "Das bleibt mir im Halse stecken“, "Das kann ich nicht schlucken …“, "Das liegt mir im Magen“, "Der macht sich in die Hose“ oder "Ich sch … mich an“ Gehör. Damit werden Gefühle wie Unbehagen, Unsicherheit oder Angst anschaulich beschrieben.

Der Bauchstimme zu vertrauen, ist eine wichtige Maßnahme zur Erhaltung der Gesundheit. Übergeht man sie zu oft, entwickelt das Bauchhirn unter einer chronischen Belastungssituation wirklich seine eigenen Neurosen. Besonders bei schweren Kränkungen und Situationen mit - bewusster oder unbewusster - Angst können sich funktionelle Magen-Darmstörungen entwickeln. Aber psychische Leiden wie Angststörungen und Depressionen können auch durch eine funktionelle Störung entstehen. Oft ist nicht ganz klar, was zuerst aufgetreten ist, da bei massiven Verdauungsproblemen mit Bauchschmerzen sekundär auch psychische Störungen auftreten können.

Kann Stress die Probleme verstärken?

Prof. Moser: Stress hat einen massiven Einfluss auf unsere Gesundheit und für die meisten Menschen zumindest manchmal Einfluss auf die Verdauung: Stress/Angst vermindert die Magenausdehnung beim Essen (Geeraerts et al, Gastroenterology 2005), die Transitzeit des Darmes wird durch Angst verkürzt und durch Depression verlängert (Gorard et al, Gut 1996). Besonders ausgeprägte Reaktionen sind bei Überempfindlichkeiten des Magen-Darm-Traktes festzustellen. Beispielsweise sind beim Reizdarmsyndrom – unter dem immerhin 10-20 Prozent aller ÖsterreicherInnen leiden – die Nerven in der Darmwand besonders empfindlich und reagieren überschießend auf ganz normale Reize wie etwa die Füllung mit Speisebrei, Stress oder emotionale Probleme. In der Folge führen diese Verstärker zu einer Störung der Muskelbewegungen im Darm – entweder zu einem plötzlichen Anhalten – Verstopfung – oder viel zu heftigen Darmbewegungen – sprich: Durchfall. Patienten mit Reizdarm leiden zu einem deutlich höheren Prozentsatz an psychischen Störungen wie Stress, Angst oder Depression als Gesunde. Bedrohung und Gewalt sind erwiesenermaßen Auslöser von Reizdarm und Reizmagen (Perona, Clin Gastroenterol Hepatol 2005). Psychische Störungen wie Angst und Depression beeinflussen auch die Wahrnehmungen im Bauch und sind häufig mit Bauchschmerz assoziiert (Elsenbruch et al., Gut 2010).

Grundsätzlich sind auch im Krankheitsverlauf bei einer Aktivierung von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen Faktoren wie Darmwanddurchlässigkeit, Rauchen, genetische Veranlagungen, bestimmte Medikamente und die bakterielle Darmflora beteiligt. Stress kann alle diese Faktoren modulieren und die Immundysregulation verändern.

Anhaltender Stress erhöht das Risiko für eine entzündliche Darmerkrankung, hoher Dauerstress verdreifacht das Risiko einer Aktivierung der Colitis ulcerosa innerhalb von acht Monaten (Levenstein, Am J Gastro 2000). Die Art und Weise, wie Stress subjektiv empfunden und verarbeitet wird, ist aber für den Verlauf wesentlich (Bitton, Gut 2008). Auch Depression scheint einen negativen Einfluss auf den Verlauf von Darmentzündungen auszuüben (Mittermaier, Psychosom Med 2004).

Welche Behandlungsschritte setzen Sie in der Gastroenterologie?

Prof. Moser: Bei der Behandlung von Reizmagen und Reizdarmsyndrom werden neben Lebensstil- und Diätmodifikation je nach Schweregrad Medikamente zur Beschwerdenlinderung eingesetzt. Daneben zeigen auch Probiotika gute Wirkung – nicht nur in der Verbesserung der Darmflora (Mikrobiota) selbst, sondern auch jener der Hirnfunktion. Bereits 2011 wurde darauf hingewiesen, dass eine spezifische Modulation der Mikrobiota eine hilfreiche Strategie in der Behandlung stress-assoziierter Erkrankungen wie etwa gastrointestinaler Erkrankungen, z.B. Reizdarmsyndrom  oder chronisch entzündlicher Darmerkrankung sein könnte (Cryan, Neurogastroenterol Motil 2011). Erst kürzlich konnte gezeigt werden, dass eine vierwöchige Einnahme von Probiotika in einem Milchprodukt die Aktivität von Hirnregionen beeinflusst, die Emotionen und Empfindungen kontrollieren (Tillisch , Gastroenterology 2013). In schweren Fällen von Reizdarmsyndrom sind auch Antidepressiva oder ein stationärer Aufenthalt an einer Abteilung für Psychosomatik und/oder einem spezialisierten (Schmerz-)Zentrum hilfreich.

Was passiert in der Abteilung für Psychosomatik? Psychotherapie?

Prof. Moser: Wir setzen psychotherapeutische Methoden mit großem Erfolg ein. So erwies sich eine Psychotherapie beim Reizdarmsyndrom den alleinigen medikamentösen Therapien langfristig in der Verminderung von Durchfall, Bauchschmerzen, Häufigkeit der Arztbesuche sowie Angst/Depression als überlegen. Die Symptome verringern sich mit der Besserung der psychischen Situation – und umgekehrt. Besonders gute und nachhaltige Erfolge werden durch Bauchhypnosetherapie bei Reizdarmsyndrom (Moser, Am J Gastroenterol 2014) sowie bei Reizmagen (Calvert, Gastroenterology 2002) erzielt. Auch die Hypnosetherapie bei Kindern mit Reizdarmsyndrom und funktionellem Bauchschmerz erwies sich gegenüber einer Standardmedikation als deutlich überlegen (Vlieger, Gastroenterology 2007).

Wie funktioniert die bauchgerichtete Entspannungshypnose?

Prof. Moser: Zuerst wird die Aufmerksamkeit auf die Stimme des/der ÄrztIn/TherapeutIn gelenkt. Damit wird das Bewusstsein weg von äußeren Reizen auf ein inneres angenehmes Erleben gerichtet. Das Gehirn "schaltet" auf Entspannung. In weiterer Folge verlangsamen sich Atmung und Puls, Entspannung – der sogenannte "Vagotonus" – tritt ein. Das Zeitgefühl schwindet mit der Zeit. Inneres Erleben wird vertieft. Der Patient ist jederzeit ansprechbar, Kommunikation ist möglich. Ab der 3. Sitzung werden spezifische, auf den Bauch gerichtete Suggestionen genutzt, damit sich die Patienten normale Magen-Darm-Funktionen vorstellen und so wieder Kontrolle über ihre Verdauung erlangen können. Dazu gibt es auch eine CD, um zu Hause Selbsthypnose üben zu können.

Was kann der Patient zur Vorbereitung auf den Arztbesuch tun?

Prof. Moser: Allen Betroffenen mit einer funktionellen Magen-Darm-Störung wird empfohlen, über 2-4 Wochen ein Symptomtagebuch zu führen und mit ihren betreuenden ÄrztInnen zu besprechen. Dieses sollte neben Datum und Uhrzeit folgende Rubriken enthalten:

  • Beschreiben Sie Ihre Symptome: z. B. Bauchkrämpfe – Wie intensiv waren diese (0 = gar nicht bis 10 = extrem)
  • Beschreiben Sie die Situation: Was machten Sie gerade? Was aßen Sie? Wer war dabei? Hatten Sie Ihre Menstruation?
  • Beschreiben Sie, wie Sie sich fühlten: z.B. „Habe mich geärgert über …“?, Trauer? Zorn? Angst?
  • Was dachten Sie und was haben Sie unternommen? Z.B. Entspannung gesucht, wurde „panisch“, …

Die Initiative Gesunde Darmflora dankt für das Gespräch.